| ehrverbrechen |
Wie gross der Druck zur Wiederherstellung der Ehre ist, hängt von der öffentlichen Bekanntheit des Vorfalls ab. Wenn dieser Druck und die Furcht vor sozialer Ausgrenzung übermächtig werden und die Familie gleichzeitig keine gesellschaftlich anerkannte Alternative sieht, kann es sein, dass sie zum Mittel der Selbstjustiz greift. Dass Ehrverbrechen gewöhnlich von Männern (Brüdern, Vätern, Onkeln) ausgeführt werden, hat mit der traditionellen Rollenaufteilung zu tun. Oft führen dann unverheiratete oder gar minderjährige, männliche Familienmitglieder die Tat im Auftrag der Familie aus. Sie können aufgrund ihres Alters mit einer geringeren Strafe „davonkommen“ und andererseits haben sie keine Verantwortung für Frau und Kinder wahrzunehmen. Dabei sind diese Täter ebenfalls starken Rollenerwartungen ausgesetzt. Auf ihnen lastet der Druck, sich als ehrenhafte Männer zu erweisen. Doch auch Männer können Opfer von Ehrverbrechen sein, nämlich dann, wenn sie angebliche oder tatsächliche Liebhaber einer „gefallenen“ Frau sind.
Um unehrenhaftes Verhalten gar nicht entstehen zu lassen, versuchen manche Familien, ihre weiblichen Mitglieder von den als verunreinigend wahrgenommenen Gefahren der Mehrheitsgesellschaft fernzuhalten. Oft werden dabei Brüder und Cousins als „Beschützer“ und „Behüter“ eingesetzt. Für sie ist diese Rolle eine Möglichkeit, mit enttäuschten Hoffnungen, Diskriminierungserfahrungen und mit ihrer benachteiligten, unterprivilegierten Stellung in der Mehrheitsgesellschaft umzugehen. Sie idealisieren ihre Herkunftskultur und konstruieren so ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den „Einheimischen“.
In extremen Fällen kann es dann sogar soweit kommen, dass sie das Gefühl haben, eine verletzte Ehre wieder herstellen zu müssen. So warnt der Pädagoge und Ethnologe Werner Schiffauer davor, hinter jedem Ehrverbrechen einen Familienentscheid zu sehen und dadurch das Problem einseitig der „Kultur“ zuzuschreiben. Schiffauer fordert vielmehr, neben kulturellen auch soziale Faktoren zu berücksichtigen. Hier ist auch die Mehrheitsgesellschaft, die das ihre zur Ausgrenzung und Deklassierung von Minderheiten beiträgt, in die Verantwortung zu nehmen.
Andere Formen von Ehrverbrechen
Es gibt jedoch auch noch andere Formen von Ehrverbrechen. Die Blutrache ist eine davon. Hat sich eine Person und mit ihr die ganze Familie durch Übertretung des Gewohnheitsrechts, durch eine schwer wiegende Beleidigung, durch Diebstahl, eine Verletzung oder gar Tötung einer Person schuldig gemacht, droht ihr und der Familie Vergeltung, meistens der Tod. Nicht selten wird dann die vollzogene Vergeltung wiederum mit einem Gegenschlag gesühnt. So kann sich eine Blutrache sogar über Jahre hinziehen. Bekannt für solche Fälle sind Sardinien, Sizilien, Korsika und (Nord-)Albanien. Der Blutrache fallen mehrheitlich Männer und männliche Jugendliche zum Opfer.
Die hier geschilderten Ehrvorstellungen finden sich in verschiedenen Religionen. Ihre Wurzel haben sie jedoch vermutlich nicht in religiösen Vorstellungen, sondern in (älteren) Stammestraditionen. Allerdings werden (angebliche) Traditionen und konservative Rollenbilder oft gerade von streng religiösen Menschen, Familien und Gemeinschaften besonders hoch gehalten. Deshalb findet man die Betonung weiblicher Ehre in orthodoxen christlichen, islamischen, jüdischen oder auch hinduistischen Milieus.
Links und Literaturfreenet.de. Kanun (Albanien).
http://lexikon.freenet.de/Kanun_(Albanien)
Historisches Institut RWTH Aachen. Glossar. Vendetta.
http://www.histinst.rwth-aachen.de/default.asp?documentId=78
Mutmaßungen zur psychosozialen Situation lesbischer Flüchtlingsfrauen.
http://www.fluechtlingsfrauen.de/texte_lesbische_frauen.htm
Kürsat, Elçin (01.08.2004). Zur Verpflichtung der Ehre.
http://www.dta-uni-hannover.de/publik/Ehre.htm#top
Positionspapier amnesty Deutschland. Verbrechen im Namen der Ehre („Ehrenmorde“).
http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/3c7abab8e052
c42fc1256eeb004ce861/95fed8d8f4fa648cc1257085002f4e23?OpenDocument