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Betroffene und Beteiligte
Bis jetzt äusserten sich in der Schweiz nur wenige Betroffene und Beteiligte öffentlich zum Thema Zwangsheirat. Und wenn sie es taten, dann meistens anonym. Dennoch wissen wir, dass Mädchen, Frauen und junge Männer der tamilischen, kurdischen, türkischen und kosovarischen Community eine Zwangsverheiratung erlebt haben oder zur Heirat gedrängt werden sollen. Es sind zumeist wenig in die Mehrheitsgesellschaft integrierte, stark traditionalistisch und familialistisch denkende MigrantInnen, die ihre Angehörigen und Landsleute im traditionellen Heiratsalter unter Druck setzen, eine arrangierte Ehe einzugehen. Warum sie das tun, lesen Sie unter Formen und Ursachen. Allerdings braucht es Wortmeldungen der Betroffenen, damit das Phänomen Zwangsheirat wahrgenommen, richtig eingeordnet und adäquat angegangen werden kann. Diese Menschen sind es auch, die anderen potenziell Betroffenen zeigen können, welche Alternativen es für alle Beteiligten geben kann.
Fachpersonen
Weil Zwangsheirat bis vor kurzem in der Schweiz kaum thematisiert wurde, fehlt es an Fachpersonen, die schon jahrelange Erfahrungen und Kompetenzen in diesem Problembereich mitbringen. Die Zürcher Juristin und CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl gilt mittlerweile als ausgewiesene Fachpolitikerin, da sie als Mitglied der Kommission für Chancengleichheit des Europarates dessen Diskussionsgrundlagen zum Thema Zwangsheirat erarbeitet hat.
In der Diskussion über eine mögliche Einführung eines Straftatbestandes „Zwangsheirat“ äusserten sich auch Strafrechtsexperten wie Marcel Niggli oder Stefan Trechsel. Sie zeigen sich eher skeptisch gegenüber einem solchen Straftatbestand, weil dann die Hemmschwelle steigen könnte, sich gegen die eigenen Eltern, Verwandten oder Bekannten zu wehren. Lesen Sie unter der Rubrik Politik, wer den Anstoss für einen solchen Straftatbestand gegeben hat.
Die Organisation terre des femmes Schweiz hat sich dem Thema Zwangsheirat im Rahmen der Kampagne „Verbrechen im Namen der Ehre“ angenommen. Sie konnte sich dafür auf die Vorarbeit und Materialien ihrer Schwesterorganisation terre des femmes Deutschland stützen. Mit einer Unterschriftensammlung unterstützte die schweizerische Frauenrechtsorganisation den ständerätlichen Vorschlag für ein Gesetz gegen Zwangsverheiratung. Vor allem die ehemalige Geschäftsführerin von terre des femmes Schweiz, Regina Probst, hatte sich öffentlich zum Thema geäussert. Von ihr stammte auch die ungesicherte Vermutung, wonach 50 Prozent der in der Schweiz lebenden muslimischen Frauen ihren Ehemann nicht völlig frei gewählt hätten. Nach einem Leitungswechsel distanziert sich terre des femmes heute von dieser Aussage und nimmt eine differenziertere Haltung ein. Dies zeigt sich auch in der von terre des femmes herausgegebenen Unterrichtsmappe „Wer entscheidet, wen du heiratest", welche bei der Organisation bestellt werden kann.
Weiter treten Mitarbeitende von Mädchenhäusern, die von Betroffenen aufgesucht werden, in der Öffentlichkeit auf. Talitha Widmer vom Mädchenhaus Zürich betont dabei, dass Zwangsheirat eine wirtschaftliche und kulturelle, aber keine religiöse Angelegenheit sei.
Politik
In der Schweiz wurde Zwangsheirat in erster Linie als frauenspezifischer Fluchtgrund im Rahmen des Asylrechts thematisiert. Das hat sich seit Ende 2004 geändert: SP-Nationalrat Boris Banga und Erika Forster namens der FDP-Frauen reichten je parlamentarische Vorstösse ein, in denen sie eine Bestrafung der Zwangsverheiratung im Rahmen des Ausländergesetzes forderten. Der Ständerat nahm diese Forderung auf. Der Nationalrat verlangt dagegen vom Bundesrat zuerst eine Analyse der Möglichkeiten von rechtlichen Massnahmen und von deren Wirksamkeit. Mehr dazu lesen Sie unter Rechte und Gesetze.
Wissenschaft
Bisher wurden in der Schweiz keine Forschungsberichte und wissenschaftliche Abhandlungen zum Thema Zwangsverheiratung unter MigrantInnen veröffentlicht. Das ändert sich nun: Zurzeit entstehen an der Universität Fribourg zwei sozialwissenschaftliche Lizentiatsarbeiten, welche direkt oder indirekt den Gegenstand Zwangsheirat und die davon Betroffenen untersuchen. Auch eine literaturwissenschaftliche Abschlussarbeit an der Universität Zürich widmet sich diesem Thema. ›zwangsheirat.ch‹ begleitet und initiiert zudem weitere wissenschaftliche Beiträge. So wird für die Eidgenössische Kommission für Ausländerfragen (EKA) ein Lagebericht über Zwangsheirat in der Schweiz erstellt.
Öffentlichkeit/Medien
In den Schweizer Medien – Presse, Radio und TV - hat das Thema Zwangsheirat vor allem im Jahr 2005 Eingang gefunden. Die Sendung Quer auf SF1 hatte jedoch bereits im April 2004 unter dem Thema „junge Migrantinnen in der Schweiz – Gefangene zwischen zwei Welten“ von Zwangsheirat bedrohte Frauen (anonym) vorgestellt. Im Vergleich zu Deutschland ist die Berichterstattung in der Schweiz jedoch noch zurückhaltend, auch wenn die Diskussion um einen Strafartikel zur Zwangsheirat das Interesse etwas steigerte. Sie beschränkt sich mehrheitlich auf Erfahrungsberichte und kurze Interviewsequenzen mit Fachpersonen. Das liegt möglicherweise daran, dass noch wenig gesichertes Wissen vorliegt und dass bisher wenig Betroffene sich öffentlich äussern. ›zwangsheirat.ch‹ erarbeitet die dafür fundierten Informationsgrundlagen.
Links und Literatur
Beobachter.ch (13.10.2005). Zwangsehe: verheiratet, verzweifelt.
http://www.beobachter.ch/artikel.asp?session=672BD735-F711-4AFB
-811B-7058785D045F&category_id=106&DocumentID=2989&AssetId=9321
NZZ Online (25.09.2005). Zwangsheiraten sind mit Gesetzen nicht zu verhindern.
http://www.nzz.ch/2005/09/25/il/articleD5HU1.html
Swissinfo (2004). Schweizerin kämpft gegen Zwangsheiraten.
http://www.swissinfo.org/sde/swissinfo.html?siteSect=105&sid=5281559
terre des femmes Schweiz. Menschenrechte für die Frau.
http://www.terre-des-femmes.ch/
Basler Zeitung (27.09.2005). Wir müssen hinschauen:Ein neuer Gesetzesartikel soll die Zwangsheirat verbieten.
NZZ am Sonntag (1.05.2005). Die geflüchtete Braut.
SF1. Quer (23.04.2005). Junge Migrantinnen in der Schweiz – Gefangene zwischen zwei Welten.
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